Samstag, 13. November 2010

Monatsbericht Oktober, Bilder folgen spaeter

Okay, ich werde mir jetzt alle erzählenswerten Ereignisse zurück ins Gedächtnis rufen, die im Oktober passiert sind.
Viele, viele Tage verliefen wieder ereignislos und wir hatten mit größter Langeweile zu kämpfen. Ein Lichtblick war jedoch, dass unsere Projekte endlich endlich endlich gegen Ende des Monats starten sollten, ob das jedoch klappen würde, daran zweifelte ich bis zum Schluss, weiß ich ja nun, wie das mit der Organisation und der Versprechen in Indien aussieht.
Zu meiner größten Überraschung und Freude klappte es wirklich und so brachte Prabhu mich am 27 Oktober nach Pallikonda, drei Stunden Busfahrt und wir waren da. Dummerweise hatte ich mich darauf eingestellt, mit meinen 10 Tonnen an Gepäck, in mein mir noch nicht bekanntes Häuschen zu ziehen, ich denke eben noch zu deutsch. Wir kamen also in Pallikonda an und besuchten erst einmal die Schwester der Mutter von Prabhus Frau (keine Ahnung, ob es dafür eine Bezeichnung gibt) und aßen den süßesten Kuchen, den es geben kann, alter Falter, war der süß... Während des Genusses dieses Zuckerklumpens, druckste Prabhu etwas herum und ich reimte mir zusammen, dass ich meine Wohnung erst in ein paar Tagen beziehen kann und nun die Wahl habe, ob ich bei der Schwester von der Mutter von Prabhus Frau bleiben möchte oder einen Klassenraum in der Schule vorziehe. Entgegen eurer Erwartungen entschied ich mich ziemlich genervt, ich war müde und wie gesagt, auf eine fertig beziehbare Wohnung eingestellt, gegen den Klassenraum.
Als Prabhu mich verließ, fühlte ich mich ziemlich komisch. Ich hatte zwar diesem Tag des Umzuges entgegengefiebert, nun, da ich aber endgültig alleine unter Indern war, die kaum ein Wort Englisch sprechen, hatte ich doch einen kleinen Kloß im Hals.
Am Abend putzte ich mir die Zähne mit Wasser aus einem Fischtank und ging auf eine Toilette ohne Licht, ich musste das Pinkelloch also erahnen, es war stockdunkel. Aber sowas wundert mich nicht mehr, ich habe mir schon an den merkwürdigsten Orten die Zähne geputzt und habe die widerlichsten, stinkendsten und von den seltsamsten Lebewesen bewohnten Toiletten benutzt, die manchmal kaum also solche zu erkennen waren. Und ich kann sagen, dass mich das schon abgehärtet hat, Kakerlaken, mutierte Käfer und alle Formen und Arten von Insekten stören mich kaum noch.
Am nächsten Tag konnte ich umziehen, jetzt dachte ich zu indisch, ich hatte mich auf Monate des Wartens eingestellt.
Der erste Eindruck von dem rosa Haus war grandios. Unten wohnt eine Familie und gehst du die Treppe hoch, kommst du in meinen Wohnbereich, der aus zwei Teilen besteht. Ein einzelnes Zimmer und ein paar Schritte weiter, durch eine Terrasse verbunden, eine Küche und ein weiterer Raum mit angrenzendem Balkon. Steige ich eine Leiter hoch, komme ich auf die Dachterrasse mit Blick auf einen Berg, es ist wirklich Luxus, hier wohnen zu dürfen =)
Die Küche ist leider noch nicht zu benutzen, erst Ende November kann ich mit meinen Kochversuchen starten. Ich wohne im Moment also mal wieder übergangsweise aus meinen Koffern in dem seperaten kleinen Zimmer, was mich aber null stört, mittlerweile bin ich die Koffersituation ja gewohnt und die einzige Zeit die ich in diesem Raum verbringe, ist die Schlafenszeit.
Gleich in den ersten Tagen adoptierte mich die unter mir wohnende Familie, bestehend aus Arsi-Mami und Saluratsch-Appa (=Papa). Ihre erwachsene Tochter Priya und deren Söhne Rohit (12 Jahre) und Munesch (16 Jahre), wohnen ein paar Häuser weiter, verbringen aber die meiste Zeit des Tages hier, was üblich in Indien ist, die Familien hocken ständig aufeinander und Singlehaushalte, wie sie es massenhaft in Deutschland gibt, existieren einfach nicht.
Ja, also die Familie ist gaaaaaaaaaaaaanz toll, meine Indien-Familie. Ich werde bemuttert ohne Ende und muss mich gegen diese Essenstonnen hartnäckig wehren, teilweise versuchen sie sogar, kein Scherz, mir das Essen in den Mund zu schieben und mich zu füttern, wenn sie denken, dass eine Tonne Essen nicht genug war (ich habe mir mittlerweile einen schwanger-im 14-Monat-Bauch angefuttert, wenns um die Nahrungsaufnahme geht, muss man mich nicht lange bitten)
Ich verbringe meine freien Tage und die Nachmittage nach der Schule also mit meiner Familie, die leider auch kaum ein Wort Englisch spricht, wir haben aber einen Verständigungsweg gefunden, der aus Zeichen, einigen Brocken Englisch und einigen Brocken Tamil besteht (ein paar Wörtchen beherrsche ich schon und, wen wunderts, das Wort Essen ist auch darunter, denn darum dreht sich hier fast alles ;). Ich könnte jetzt noch soooo viel über meine kleinen Familie schreiben und wie mein Leben mit ihr aussieht, aber das würde den Rahmen sprengen und vieles kann ich auch nicht erklären, ihr müsstet es erleben. (Eins noch, Privatsphäre gibt es hier nicht, du musst dich schlafend stellen, wenn du einmal alleine sein willst, alle kommen unaufgefordert in dein Zimmer, setzten sich hin und sitzen dann und sitzen und sitzen, umgekehrt kannst du dich aber genauso verhalten, es ist nicht unhöflich. Wenn ich wieder nach Deutschland zurück komme, werde ich dauernd an irgendwem drankleben, das Alleinseinwollen wird dir hier wirklich abgewöhnt, stellt euch also ab August auf eine Klette ein, die ständig unaufgefordert vor der Tür steht =)
Nun zu meinem Projekt. Die Schule ist zwei Gehminuten von unserem Häuschen entfernt, ich werde aber von dem Schulleiter, Umapathi, täglich morgens mit seinem Moped abgeholt und wir frühstücken dann zusammen in den kleinen indischen Restaurants (=Hotels, so heißen die hier, hat aber nichts mit der deutschen Bedeutung des Wortes Hotel zu tun). Dann geht es ab zur Schule und schon am ersten Tag sollte ich eine Klasse unterrichten (sollte ist das falsche Wort, es war mir freigestellt, ich kann hier alles frei entscheiden, kann immer machen was ich möchte und wenn ich einmal keine Lust aufs Unterrichten habe, kann ich mich einfach in den Lehrerraum oder nach draußen setzten und chillen). Mein Unterricht sieht so aus, dass ich den Kindern, meistens sind es 4-7 an der Zahl, auf Englisch vorlese und sie es dann nachlesen, sie sollen die richtige Aussprache lernen. Da das auf Dauer aber natürlich zu langweilig für alle Beteiligten wird, unterrichte ich auch Mathe und „Science“ (heißt, ich bringe ihnen z.B. Körpervokabeln bei, das macht Spaß, kann man interessant gestalten)
Die Schule startet nach dem täglichen Morgengebetsritual um halb elf, um halb eins ist dann Mittagspause für die Kinder, um eins Mittagspause für die Lehrer (4 Lehrerinnen gibt es an der Schule, von denen eine Englisch sprechen kann. Wenn sie, der Schulleiter und die regelmäßigen Telefonate aus Deutschland nicht wären, würde ich das richtige Sprechen verlernen, verständige ich mich doch, wie gesagt, in meinem Dorf und mit meiner Familie in einer eigenen Sprache). Nachmittags passiert meistens nicht mehr viel, die Kinder haben dann Aufgaben, die sie still erledigen und um drei ist der Schultag beendet.
Oft düse ich dann mit dem Schulleiter auf seinem Moped über die Straßen (einmal waren es wirklich 80 Kmh, ungesichert, ohne Helm, in Schlangenlinien zwischen den Lkws entlang), sei es um einen seiner Freunde (mir werden hier alle als Freunde vorgestellt) zu besuchen oder was weiß ich wohin zu fahren. Es ist aber wirklich ein geniales Freiheitsgefühl, das müsstet ihr erleben, unbeschreiblich =)
Was etwas nervt, ist die Tatsache, dass ich immer der Mittelpunkt bin, so als einzige Weiße im Umkreis von 10989838839929920200 Kilometern.
Besuchen wir Umapathis Familienmitglieder oder Freunde, reden alle in Tamil über mich, starren mich an und ich habe keine Ahnung, was sie denn nun reden. Und da man nunmal nicht ständig in der Stimmung ist, im Mittelpunkt stehen zu wollen, ist es manchmal etwas anstrengend. Das ist aber das einzig Negative (und es wird immer weniger negativ, da ich mich einfach daran gewöhne), ansonsten bin ich endlich auch innerlich in Indien angekommen und fühle mich wahnsinnig wohl und bin unglaublich froh, dass ich mich dafür entschieden habe, alleine nach Pallikonda zu gehen =)
Viele, viele spanndende und erzählenswerte Dinge habe ich euch nun vorenthalten, aber das Leben ist so anders als das in Deutschland und einiges was hier normal ist, ist für euch unvorstellbar und es zu erzählen würde nur falsche Bilder im Kopf entstehen lassen.
10 Monate bleiben mir noch und ich freue mich sehr darauf =)

Kommentare:

  1. Huhu Carinchen!
    Ich war neulich im Kino und habe den Film "eat, pray, love" mit Julia Roberts gesehen. Nur so nebenbei: die Roberts hat während der Dreharbeiten 5 Kilo zugenommen, und ein Teil des Films spielt in Indien. Das Indien in dem Film ist aber kein Vergleich zu dem was Du da über Toiletten, Mutantenkäfer und Verkehrssicherheit schreibst! Als wärst Du auf einem anderen Planeten...
    Fang doch schonmal an ein Drehbuch zu schreiben. Mit Dir in der Hauptrolle wird der Kinofilm dann ein Knaller. Und dann kannst Du Dir auch Deinen Reitstall leisten... =)
    Man wird ja wohl noch ein wenig rumspinnen dürfen... ;)Ich freue mich so für Dich und drück Dich ganz fest!

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  2. Hey,

    Ist schön etwas von dir zu hören^^ Klingt sehr spanend, ich freue mich wirklich für dich. Ich freue mich natürlich auch wenn du im August wiederzurückkommst. Dann machen wir ganz viel zusammen.
    Ganz liebe Grüße und Viel Spaß noch,

    Anna

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