Dienstag, 14. September 2010

Tag 11, erster Ausflug

Der Tag startete wie der eines abgeklärten, nicht zu erschütternden Farmers:
früh und mit einem anständig eiskalten Duschgang an einem kalten Morgen (auch in Indien gibt es Temperaturen unter 20 Grad, gefühlt zumindest). Damit enden die Gemeinsamkeiten dann auch, wir gingen nicht an die harte Morgenarbeit, sondern dudelten enspannt (wir hatten viel zu viel Zeit, sind viel zu früh aufgestanden...)zur Bushaltestelle. Geplant: eine Fahrt nach Bangapet, um von dort mit einem anderen Bus nach Bangalore zu touren (Hauptstadt Karnatakas und unser Ankunftsort). Unser Bus zum ersten Ziel war ziemlich normal. Zwar fuhr er natürlich mit offenen Türen und ich glaube kaum, dass er irgendeinem deutschen Sicherheitsstandart entspricht, aber sonst gibt es über ihn nichts interessantes zu erzählen. Unser Umsteigebus nach Bangalore war da schon cooler. Ein Partybus. Bunt geschmückt mit Lichterkettchen und zwei Fernseheapparaten, deren Lautstärke glaube ich auf Anschlag gedreht war. Man war das laut, nichts gegen unsere Discos...Nach der Hälfte der Fahrt (wir fuhren ca.2,5 Stunden) hatte aber jemand erbarmen mit uns und drehte die Geräusche (darunter welche, die wohl auch Fledermäuse gehört hätten) dieses schrecklichen Filmes leiser. Daraufhin schlief ich den Rest der Fahrt.
Angekommen ging es ans Schoppen. Man braucht hier schon mehr zum Wechseln als 2 Hosen und 5 T-Shirts. Die Temperatur ist zwar konstant angenehm, aber trotzdem bist du oft am Schwitzen, folglich stinkt alles sehr schnell. Abgesehen davon brauche ich Abwechslung von meinen roten T-Shirts (wie kann man auch so horstig sein und fast nur rotes Zeug einstecken...). Ergebnis des Einkaufs: ein blaues recht indisches Oberteil plus eine orange Leggins, passend dazu. Sehr chic :)
Es folgte ein Mittagssnack, ein „Sandwich“, bestehend aus drei übereinander geklappten Toasts mit einer halben Scheibe Käse, drei Tomaten- und zwei Gurkenscheiben. Aber wenn es ums Essen geht, habe ich keinerlei Anspruch (ich esse ALLES zu jeder Zeit) und so hat es dann auch etwas geschmeckt.
Weiter ging es mit einem meiner geliebten Tuck-Tucks, es ist wirklich witzig, zu 5t auf einer Rückbank zu sitzen, die für maximal drei schlanke Personen ausgelegt ist ^^, zu einem Park. Park klingt super dachte ich, und stellte mir ein lauschiges Naturplätzchen vor. Es war dann auch ganz nett, ein paar Bäumchen mit Erdhörnchen drauf gab es. Das pure Naturerlebnis war es dann aber doch nicht. Zu müllig, zu menschig und zu normal. Ein deutscher Park inklusive viel Dreck und vielen Leuten. Zeitweise kam ich mir vor, wie eine hübsche, auf einer einsamen Lichtung im Wald im untergehenden Sonnenlicht stehende Eiche mit einem grünen Eichhörnchen drauf. Ständig wollte uns jemand fotografieren. Einige sparten sich das Fragen und taten es einfach heimlich. Wenn du willst, kannst du dir einbilden, dass du ein Promi oberster Liega bist. Aber abgesehen vom Parkerlebnis, fallen wir in Bangalore weniger auf als bei uns in Kolar Gold Fields. Die Menschen sind viel westlich gekleidet und verhalten sich auch so. Z.B liefen einige Pärchen händchenhaltend durch die Gegend, was in den Dörfern, die das echte indische Leben repräsentieren, ausgeschlossen ist. In Bangalore gibt es sogar Subway und Mc Donalds, nicht sehr indisch ;)
Sehr indisch war dann allerdings der Tempelbesuch. Nach langem Suchen fanden wir den Bulltempel und waren geschockt über die Menschenmassen. Als Weiße hatten wir jedoch den Vorteil, dass wir nicht stundenlang (es wäre wirklich stundenlang gewesen) anstehen mussten, sondern gleich hinein durften. Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob es richtig ist, diese Bevorzugungen auszunutzen, oder wie würden wir uns in Deutschland fühlen, wenn Menschen, nur aufgrund einer anderen Nationalität, wie Könige behandelt werden. Gut, wir taten es trotzdem und wurden in die Schlange hineingeschoben. Es war ein bisschen wie in der Mensa. Teller (hier war es etwas Blattähnliches)in die Hand, weitergehen, Essen draufgeklatscht (gewürzter Reis mit irgendwelchen Beilagen in der Soße), weitergehen, noch mehr Essen draufgeklatscht (Zuckerbällchen und Nüsse), weitergehen. Wir hatten die Befürchtung, dass wir dieses lecker aussehende Mahl opfern müssen, ich verabschiedete mich also in Gedanken schon von einem Abendessen. Falsch gedacht, wir durften es essen. Scharf und sehr lecker, es kam aber trotzdem nicht gegen unseren halben Maiskolben an, den wir vorher als Snack auf der Straße gegessen hatten. Satt und zufrieden bahnten wir uns unseren Weg zurück durch die Massen zu unseren Schuhen, die wir vorher ausziehen mussten. Der Tempelabstecher bestand also aus dem Essen, einer geschmückten Kuh-Skulptur, einem kleinen Markt im Hof des Tempels und vielen vielen hübsch gekleideten Menschen.
Bald ging es im Tuck-Tuck zum Bahnhof. Und damit beginnt der spannendste Teil des Tages. Zugfahren. Dieselbe Menge an Menschen im Bahnhof wie vorm Tempel, dauerte es erstmal etwas bis wir unsere Fahrkarten kaufen konnten. Aus ihnen ging dann leider nicht hervor zu welchem der 1000 Gleise wir mussten, aber Pascal, unser Indienführer, bekam es dann nach stundenlagem Fragen, hin- und herlaufen und noch mehr hin-und herlaufen heraus und so standen wir am richtigen Gleis, mit uns 10000000 andere Menschen. Ich habe gezählt, es waren wirklich 10000000. Der Zug kam und alle von diesen 10000000 Personen wollten gleichzeitig, verteilt auf vielleicht 10 Eingänge, hinein. Geschoben durch die Masse, landete ich irgendwann sogar wirklich im Zug. Ich war so sicher gewesen, nicht mehr hineinzupassen. Aber ich habe etwas gelernt: wenn du glaubst dass kein Einziger mehr hineinpasst, passen noch 10 Weitere. So fuhren wir dann 2 Stunden, eingekeilt zwischen alten und jüngeren Männern (keine Ahnung wo die Frauen waren), in der Nähe der offenen Tür (sehr gefährlich, bei dem Gedränge ist es nicht ausgeschlossen hinauszufallen) und der Toilette (ein Glück waren die Zugtüren auf).
So viele gesprächsfreudige Inder um einen herum, blieben die Gespräche natürlich nicht aus. Es ist zwar langweilig, ständig dasselbe zu erzählen (where are you from?, how is the stay in India?, you like the foot? what are you doing?...), aber so versuche ich zu lernen, wie man das Inderenglisch versteht. Ein paar Sätze von meinem Gesprächspartner habe ich dann auch verstanden. Yes, ein Erfolgserlebnis, es ist aber auch frustrierend, ständig die Schultern zucken zu müssen.
Die 2 Stunden gingen schnell vorbei, ich frage mich warum, die Stehposition war nicht sehr bequem und ich hatte ständig Angst, zerquetscht zu werden. Aber wahrscheinlich waren die Eindrücke wieder so stark und es passierte auch immer irgendwas. Neue Leute stiegen ein, keiner aus, es wurde gedrängelt (dauernd wollte jemand auf das Klo, es hangelte sich sogar ein sportliches Kerlchen von seinem Platz auf der Gepäckablage über uns herüber zur Toilette. Scheint echt dringend bei einigen Personen zu sein...), geredet, geschwitzt und irgendwann kamen wir dann an.
Normal soll der Zug-Zustand aber nicht gewesen sein, es lag wohl hauptsächlich an einem Feiertag (in Indien gibt es allerdings immer irgendeine Person, einen Gott oder sonst etwas, das gefeiert wird)
Die Busfahrt zurück nach Kolar Gold Fields stand im Gegensatz zur Zugfahrt. Ich stand in der offenen Tür und lies mir den Fahrtwind (es war eine schnelle Fahrt in einer regnerischen Nacht) durchs Gesicht und Haare pusten.
Um halb 12 waren wir dann Zuhause und beendeten den schönen Tag mit dem Essen einer Papaya.

Negativstes Erlebnis
- Angst zerquetscht zu werden oder eines anderen ähnlichen Todes zu sterben
- der Gestank im Zug

Positivstes Erlebnis:
- der restliche Tag
- besonders eine tolle Tuck-Tuckfahrt im Dunkeln (zum Bahnhof in Bangalore)
- die Zurück-Busfahrt

Kommentare:

  1. Hallo Carina!
    Wir sind wieder aus dem Strandurlaub zurück, und ich hab´ mir nochmal ganz in Ruhe Deine letzten Beiträge durchgelesen. Dabei bin ich über eine extreme Merkwürdigkeit gestolpert: Wie kann es sein, dass man als Frau in die Stadt zum Shoppen fährt, die Klamotten im Schnitt 1 Euro kosten und man dann ein (!) Oberteil und eine (!) Leggings kauft?!? Ich bin geschockt! ;) Beim nächsten Ausflug machst Du unserem Geschlecht mal alle Ehre und kommst nicht ohne eine Busladung voll Sachen wieder zurück. Claro?! =)
    Gulli geht´s weiterhin gut - wir drücken Dich!
    Lieben Gruß!

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  2. ich glaube manuela hat recht, du kommst auf keinen fall nach deiner stiefmutter, ich hätte auch mindestens 2 leggings und 3 pullover gekauft
    grins deine annette

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